Handreichungen zum Gemeinsamen Unterricht

Einleitung
Auch wenn der Zwang zur Umsetzung der UN-Behindertenkonvention in absehbarer Zeit die Rechtfertigung eines gemeinsamen Unterrichts von Kindern mit und ohne Behinderung überflüssig macht, kann es dennoch nützlich sein, sich noch einmal zu vergegenwärtigen, warum vor inzwischen 18 Jahren die OSW einen Modellversuch „Gemeinsamer Unterricht“ startete.


Der Alltag an der OSW soll geprägt sein von dem Wissen und der Wertschätzung, dass jeder anders anders ist. Neben unterrichtsfachlichen Aspekten wollen wir unsere Schülerinnen und Schüler zu einem besseren Verständnis von gesellschaftlicher Vielfalt führen, ihnen zu einem angstfrei(er)en Umgang miteinander verhelfen und ihnen eine respektvolle Auseinandersetzung miteinander ermöglichen. Diese Bereiche sind für uns gleichberechtigt.
Das gemeinsame Leben und Arbeiten von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderung bietet Lernchancen für alle Beteiligten. Das wird als eine Bereicherung des schulischen Alltags erlebt, auf die die Schulgemeinde nicht verzichten will. Gemeinsamkeiten und Unterschiede werden durch den Gemeinsamen Unterricht im schulischen Alltag erfahren und ermutigen zu einem bewussten Umgang mit Anderssein. Der Gemeinsame Unterricht ist somit ein wichtiger Bestandteil der integrierenden Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, der sich die Offene Schule Waldau verschrieben hat.
Wir gehen davon aus, dass die übergeordneten Ziele für alle Schüler und Schülerinnen identisch sind. Dazu gehören für uns:

Voraussetzungen schaffen, damit Schülerinnen und Schüler für sich die Fragen beantworten können:

    • Wie will ich arbeiten?
    • Wie will ich leben?
    • Wie nehme ich an einer demokratischen Gesellschaft teil?
  • die eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten realistisch einschätzen können
  • die eigene Fachleistungsfähigkeit ausreizen (Jeder soll so viel lernen können, wie irgend möglich.)
  • eine hohe Sozialkompetenz entwickeln
  • von jedem lernen und für jeden Vorbild sein

In unserer Überzeugung und Erfahrung seit vielen Jahren gibt es keine Rechtfertigung dafür, Menschen aufgrund (fragwürdiger) Kriterien verschiedenen Lebensräumen –denn das sind Schulen für uns- zuzuweisen und sie damit von Erfahrungen und Entwicklungsmöglichkeiten abzuschneiden.
„Der Weg, auf dem die Schwachen sich stärken, ist der gleiche wie der, auf dem sich die Starken vervollkommnen.“ (Maria Montessori)

 

Entwicklung und gegenwärtiger Stand
Seit dem Schuljahr 1993/94 werden in der Offenen Schule Waldau Kinder ohne und mit Beeinträchtigung gemeinsam unterrichtet. Pro Jahrgang ist dies in der Regel in einer Klasse der Fall, der sogenannten Integrationsklasse oder Klasse mit Gemeinsamem Unterricht. Diese Klassen haben insgesamt 23 Kinder, in Ausnahmefällen auch 24 Kinder, davon 4 oder 5 Kinder mit Behinderung, also Kindern, die sonderpädagogischen Förderbedarf haben.
Für den Anstieg der Zahl von Kindern mit Förderbedarf von ursprünglich 3 auf inzwischen 5 gibt es mehrere Gründe. Als eine von zwei Sekundarstufenschulen, die Gemeinsamen Unterricht anbieten, hatten wir immer mindestens 3 Bewerbungen von Kindern mit Behinderung. Diese Anzahl wurde auch im Schulgesetz als ideale Zahl genannt. Die Erhöhung der Aufnahmen von I-Kindern ergab sich aus dem Ansteigen der Anmeldungen, aber auch um möglichst viele sonderpädagogische Förderstunden für die Klasse zu bekommen. Das Staatliche Schulamt hat im Laufe der Jahre die sonderpädagogischen Förderstunden, die den einzelnen Kindern mit Behinderung gewährt werden, reduziert. Um eine umfangreiche Doppelbesetzung zu gewährleisten, haben wir uns deshalb vor einigen Jahren dafür entschieden 4, inzwischen sogar 5 Kinder aufzunehmen. So kann die Förderschullehrerin wenigstens in 16 bis 20 Unterrichtsstunden in der Klasse sein.
Welche Stunden dabei doppelt besetzt werden, entscheidet die Förderschullehrerin oft gemeinsam mit den Fachlehrern. Wichtig bei der Zusammensetzung der Klasse ist uns dabei, dass alle Kinder unterschiedliche Fähigkeiten und Kompetenzen haben, dass aber auch unterschiedliche Behinderungsarten vertreten sind. Lernzielgleiche und nicht lernzielgleiche Kinder mit einer Körperbehinderung oder mit Erziehungshilfebedarf, Schüler/innen, die im Sinne der Schule für Lernhilfe unterrichtet werden, aber auch Kinder mit einer geistigen Behinderung gehören zu unseren Schülern.
Im Moment haben wir 28 Kinder mit Behinderung an unserer Schule. 26 Kinder werden in den Jahrgängen unterrichtet, 2 besuchen die Arbeitsstufe. Nach zehn Jahren gemeinsamen Lebens und Lernens in der Schule sollte der eingeschlagene Weg beim Übergang in das Berufsleben für die praktisch bildbaren Schülerinnen und Schüler nicht verlassen werden. Deshalb wurde das Konzept der Arbeitsstufe entwickelt, damit die praktisch bildbaren Schülerinnen und Schüler die ihnen noch zustehenden zwei Schuljahre weiterhin in unserer Schule verbringen können. Sie werden in einer eigenen Klasse von einer Förderschullehrerin unterrichtet, wobei der schulische Schwerpunkt aber eher im praktischen Bereich liegt, z. B. in den Werkstätten und in Praktika, die sie in und außerhalb der Schule absolvieren. In der Schule selbst hat sich die Übungsfirma „Die Sauberen“ gegründet, in der schwerpunktmäßig die Schülerinnen und Schüler der Arbeitsstufe für die Schulgemeinde aktiv werden. Sie sind verantwortlich für die Reinigung und Bereitstellung der Kleidung des Mensadienstes. Kontakte zu ihren nicht behinderten Schulkameraden haben die Schüler der Arbeitsstufe in den Pausen, in schulinternen Praktika oder auch in gemeinsamen Unterrichtsstunden.

Klassenlehrerteam
In der Integrationsklasse besteht das Klassenlehrerteam aus 3 Lehrern, da die Förderschullehrerin, die den Kindern mit Behinderung zugewiesen ist, ebenfalls Klassenlehrerfunktion übernimmt. Alle drei Klassenlehrer sind gleichberechtigt und für alle Kinder da. So werden auch alle organisatorischen Aufgaben gemeinsam bearbeitet, wie zum Beispiel Hausbesuche und Beratungsgespräche, Wochenarbeitsplankommentare, Klassenfahrten und Kompaktwochen, Förderpläne. Für die Förderschullehrerinnen ist es auch selbstverständlich, dass sie den Vertretungsunterricht in der eigenen Klasse übernehmen. Sie betreuen in FL die Kinder mit Behinderung und schreiben deren Gutachten, können in Absprache aber auch diese Aufgabe für andere Kinder übernehmen. Das Gleiche gilt für die Förderpläne, die in Absprache mit den Fachlehrern geschrieben werden.

Förderschullehrer/innen
Zurzeit sind alle Förderschullehrerinnen mit ihrer Stelle an der OSW, arbeiten mit dem überwiegenden Teil ihrer Stunden oder vollständig (die weitaus bessere und erfolgreichere Form) in der I-Klasse des Jahrgangs. Damit ist ein effektiver Einsatz der zugewiesenen Stunden möglich. Darüber hinaus können die Förderschullehrerinnen so an der Arbeit des Teams und der Schulentwicklung der OSW teilhaben und sie unterstützen (Z. B.: Diagnostik, Bereitstellung von Fördermaterial, Beratung der Fachlehrer/innen, Entwicklung von Konzepten zum GU, zur Förderung aller Kinder).
Die Förderschullehrerinnen treffen sich in regelmäßigen Abständen, um sich auszutauschen, die gemeinsame Arbeit zu planen und die Fachkonferenzen vorzubereiten. Der Gemeinsame Unterricht ist ein eigener Fachbereich an der OSW. Zweimal jährlich findet eine Fachkonferenz statt, die je nach Inhalt für alle Lehrer/innen der Schule oder für die in I-Klassen Unterrichtenden offen ist.
Die Förderschullehrer/innen schreiben die Förderpläne für die Schüler/innen mit Behinderung, regeln die Nachteilsausgleiche, führen die weitaus häufiger anfallenden Elterngespräche (diese gern auch möglichst oft zusammen mit den Klassen-/Fachlehrern), planen und bereiten den weiteren Schulbesuch nach der Klasse 10 oder den Übergang in eine Berufsausbildung vor, betreuen den Einsatz den Schulassistenzen und organisieren die Zusammenarbeit mit weiteren Institutionen, wenn dies notwendig wird (Jugendamt, Arbeitsamt, Therapieeinrichtungen u.ä.).