So viel Normalität wie möglich -
20 Jahre gemeinsamer Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung

So viel Normalität wie möglich; keine Sonderrolle, die später wieder abgebaut werden muss – dieser Wunsch der Eltern für den Schulbesuch ihrer geistig behinderten Tochter auch über die Grundschule hinaus stand am Anfang des gemeinsamen Unterrichts von Kindern mit und ohne Beeinträchtigung an der OSW.
Zehn Jahre zuvor war das Konzept der Offenen Schule entwickelt und schrittweise umgesetzt worden. Jetzt erwies es sich als tragfähiger Rahmen für einen Modellversuch Integration1) (wie es 1993 noch hieß).

Blaeserklasse

Lea kam nach vier Grundschuljahren, in denen sie trotz ihrer intellektuellen und motorischen Beeinträchtigungen gemeinsam mit Kindern ihre Alters gelernt und gearbeitet hatte, an die Offene Schule. Mit ihr kam ein veränderter Blick auf Behinderung: Es half im schulischen Alltag nicht weiter, sich auf die Defizite, das Nichtkönnen zu konzentrieren. In den Mittelpunkt rückte die Suche nach Möglichkeiten, wie Lea mit ihrem Potenzial das schulische Leben für ihr Lernen und ihre Entwicklung nutzen konnte.
Der offene Blick auf die –trotz aller Beeinträchtigung- möglichen Lernprozesse, die Anpassung schulischer Inhalte an das Kind, die genaue Diagnose des bereits Erreichten und die der gescheiterten Lernversuche, dies alles wurde und blieb sowohl Grundlage als auch Herausforderung für die Unterrichtsgestaltung. Es beeinflusst nicht nur die Klasse, sondern wirkt auf das gesamte Schulleben ein. Dazu gehören auch die freudige Überraschung, wenn unerwartetes Können aufblitzt, und die Erkenntnis, dass sorgsam und aufwendig geplante Unterrichtsstunden nicht immer ihre Zielgruppe, die Schüler, erreichen.
 

02-14

Herausforderungen müssen auf Offenheit und Veränderungsbereitschaft stoßen, wenn sie fruchtbar werden sollen, in diesem Fall bei der gesamten Schulgemeinde: bei Kollegium und Schulleitung, Mitarbeiter/innen, Eltern, Schülerinnen und Schülern.
Die Bereitschaft des Kollegiums und der Schulleitung, neue Wege zu gehen, war nicht nur in der Entwicklung der Offenen Schule längst erprobt. In den vorausgegangenen Jahren wurden bereits Kinder mit körperlichen Beeinträchtigungen aufgenommen, die mit großem Engagement durch ihre Schulzeit begleitet wurden, teilweise ohne zusätzliche Unterstützung durch Förderschullehrkräfte.

Eine übersichtliche Struktur erleichtert es Kindern mit Beeinträchtigungen, sich in dem großen System einer Sekundarstufenschule zu orientieren und sich zu Hause zu fühlen:
Das Kollegium der OSW arbeitet in Jahrgangsteams; jedem Jahrgang ist ein eigener Ort auf dem Schulgelände zugewiesen; das Lehrerteam begleitet den Jahrgang bis zum Abschluss; jede Klasse startet mit zwei Klassenlehrern/innen; die Klasse arbeitet in den ersten drei Jahren in allen Fächern gemeinsam in ihrem Klassenraum.
 

Lernen mit Unterstuetzung

 Mit Lea kam eine Förderschullehrerin an die Schule, um sie und zwei weitere Schülerinnen mit Lernbeeinträchtigungen im Unterricht zu unterstützen. Die Förderschullehrkraft gehörte von Anfang an zum Jahrgangsteam, war dritte Klassenlehrerin und konnte von allen Kindern angesprochen werden.
Dies hat sich bewährt: Bis heute versuchen wir, so viel wie möglich im gemeinsamen Raum am gleichen Inhalt zu arbeiten. Die unterschiedlichen Lernvoraussetzungen werden berücksichtigt, indem den Kindern verschiedene Schwierigkeitsniveaus, unterschiedliche Zugänge zum Thema und/oder mehrere Möglichkeiten der Bearbeitung angeboten werden. Kinder mit Lernbeeinträchtigungen können in Absprache nur einen Schwerpunkt des Themenbereichs behandeln. Der Ansatz der Schule, von Anfang an die Schüler/innen in der Verantwortung für den eigenen Lernprozess zu stärken und ihnen Methoden und Kompetenzen für das selbstständige Lernen an die Hand zu geben, ermöglicht und unterstützt den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Beeinträchtigungen.
Natürlich gibt es Unterrichtssituationen, in denen eine Gruppe oder einzelne Schüler/innen außerhalb des Klassenraums arbeiten (müssen), z. B. wenn neue Inhalte für bestimmte Kinder von einer Lehrkraft an der Tafel erklärt werden, wenn vertiefende Arbeit mit einzelnen Kindern nötig ist oder eine Schülergruppe für ihre Aufgaben etwas lauter agieren können muss. Die Trennung ergibt sich in diesen Fällen aus dem Inhalt oder der Methode, nicht aus dem Fakt der Behinderung. Sie ist daher für alle Schüler/innen selbstverständlich und gehört zum Schulalltag nicht nur im Freien Lernen.

Arbeit auf der Jahrgangsflaeche

Obwohl an Teamarbeit und offene Klassentüren in der OSW gewöhnt, stellt die gleichzeitige Anwesenheit von Regel- und Förderschullehrkraft im Klassenraum an beide hohe Anforderungen, auf die sie nicht in der Ausbildung vorbereitet wurden (und werden) und die sie so nicht unbedingt für ihre Berufspraxis erwartet haben. Vom „Ich und meine Klasse“ zum „Wir in unserer Klasse“ braucht es Offenheit, Bereitschaft zur Veränderung, zur Kooperation und zu Gesprächen über positive und negative Gefühle in der Unterrichtssituation, um Vertrauen zu entwickeln. Wenn es gelingt, profitieren alle Seiten davon und wir haben uns unserem Ziel „Alle Lehrer/innen sind für alle Schüler/innen da.“ angenähert.
Deutlich wird aber auch, dass in der Sekundarstufe mit einer größeren Anzahl von Fachkollegen/innen in einer Klasse dies allein aus zeitlichen Gründen nicht immer möglich ist. Dann ist hohe Professionalität im gemeinsamen Klassenraum gefragt.

Miteinander lernen

Die beschriebenen Prozesse erfordern Zeit und Ruhe, die durch wachsende Arbeitsbelastung der Lehrkräfte, sinkende Zuweisung von Förderschullehrerstunden für Kinder mit Beeinträchtigungen und höhere Schülerzahlen in Inklusionsklassen2) in den letzten Jahren immer stärker beschnitten wurden.
Die Arbeit der Förderschullehrkräfte wird in einigen Fällen durch Schulassistenzen und junge Leute im Freiwilligen Sozialen Jahr unterstützt. Anleitung, Einsatzplanung und das Angebot zur Reflexion ihrer Arbeit gehören an der OSW zum Arbeitsbereich der Förderschullehrkräfte, berühren aber auch die Regelschullehrer/innen, wenn z. B. Kinder nur mit einer Schulassistenz am Fachunterricht teilnehmen.

Projektarbeit

Die Bedürfnisse von Kindern mit Beeinträchtigungen beschränken sich nicht auf den Klassenraum, sondern dringen in alle Bereiche der Schule vor: Dankbar stellten wir fest, dass alle Mitarbeiter/innen in Bibliothek, Mensa, Cafeteria und Sekretariat und die Hausmeister offen auf die Kinder, ihre Wünsche und auch auf ihr gelegentlich herausforderndes Verhalten reagierten. Besondere Unterstützung erfuhren wir, als wir in späteren Jahren Praktikumsplätze für Schüler/innen mit geistiger Behinderung suchten. Bei allen Mitarbeitern/innen war und ist Bereitschaft vorhanden, diese Jugendlichen in die Arbeitsprozesse einzubeziehen. So bietet sich für diese Schüler/innen die Möglichkeit, in der gewohnten Umgebung und mit enger Begleitung durch die Förderschullehrkräfte erste Bekanntschaft mit dem Arbeitsleben zu machen.

Als Lea und ihre beiden Mitschülerinnen an der OSW starteten, mussten alle Eltern der Integrationsklasse sich einverstanden erklären, dass ihr Kind diese Klasse besucht. Die ursprüngliche Hürde verwandelte sich schnell in ihr Gegenteil, als den Eltern deutlich wurde, dass die stundenweise Doppelbesetzung durch zwei Lehrkräfte allen Schüler/innen zugutekommt und es keinem Kind schadet, wenn eine „Fachkraft für erschwerte Lernprozesse“ im Jahrgang vorhanden ist.
Schulelternbeirat und Förderverein zeigten stets Interesse für die Fortentwicklung des integrativen Konzeptes, unterstützten die Arbeit finanziell und vermittelten Kontakte, z. B. für Praktikumsplätze. Mit den Eltern der Kinder mit Beeinträchtigungen kommen hochengagierte Menschen in die Schulgemeinde, soweit ihnen Kraft dafür bleibt. Denn die integrative/ inklusive Beschulung eines Kindes geschieht noch immer nicht selbstverständlich und fordert noch immer erhöhten Einsatz der Eltern.

Es dauerte einige Jahre, bis nach Leas Start weitere Kinder mit Beeinträchtigungen aufgenommen werden konnten. Heute gibt es in jedem Jahrgang ein bis drei Integrationsklassen. Das Prinzip, eine Gruppe von zwei bis fünf Kindern mit unterschiedlichen Behinderungen in eine Klasse aufzunehmen, wurde beibehalten. Dadurch werden der Förderlehrkraft mehr Stunden für eine Klasse zugeteilt, sie verbringt dort mehr Zeit und kennt alle Schüler/innen, kann intensiver fördern und die zur Verfügung stehende Zeit besser nutzen. Die Ganztagsschule mit ihren langen Pausen bietet viele Gesprächsgelegenheiten für Lehrer/innen und Schüler/innen. Alle Förderschullehrkräfte sind (bisher) mit ihrer Stelle an der OSW, sodass keine Energie ins Herumreisen von Schule zu Schule gesteckt werden muss.

Kein Schonraum, eine Schule für´s Leben, Lernen am Vorbild, Behinderung gemeinsam auf vielen Schultern tragen – die Vorstellungen von Leas Eltern beeinflussten und veränderten das Leben der Klasse. Oft erstaunen uns Erwachsene die Unbefangenheit und die Sensibilität, mit der Kinder auf Behinderungen reagieren. Da gibt es den Rabauken, der im Umgang mit dem behinderten Kind ruhiger wird, behilflich ist und an sich und dem anderen neue Seiten entdeckt und als Stärken schätzen lernt. Wenn mehrere mit anpacken, schafft Leas „Porsche“ (eine Art Buggy) auch den steilsten Berg und Julia gelangt samt ihrem Rollstuhl vom Kai in das wartende Motorboot. Körperliche Stärke gewinnt neues Ansehen!

Kompaktwoche Steinzeit

Aber natürlich gibt es auch konfliktreiche Situationen, in denen wir Lehrer/innen auf der Suche sind nach Win-win-Lösungen für Kinder mit und ohne Beeinträchtigungen. Die mit der Pubertät einhergehenden Abgrenzungsprozesse können scharf und schmerzhaft sein und erfordern oft einen besonderen Einsatz der Lehrkräfte und der Schulsozialarbeit, der sich aber nicht auf die Kinder mit Behinderung konzentriert. Meist machen wir die Erfahrung, dass der intensive Einsatz für das soziale Lernen in den Klassen 5 und 6 mit Klassenrat, früher Klassenfahrt mit Begleitung der Schulsozialarbeit, deren Arbeit in den Klassen, Hausbesuchen bei allen Kindern … durch die schwierige Zeit der Jahrgänge 7 und 8 trägt. Am Ende ihrer Schulzeit schätzen die meisten Schüler/innen einer Integrationsklasse das gemeinsame schulische Leben mit Jugendlichen mit Beeinträchtigungen als Bereicherung ein und als Gelegenheit, Toleranz für ungewohntes Verhalten zu entwickeln. Das Erleben von und die Auseinandersetzung mit Behinderung wird als wichtig für das eigene weitere Leben erachtet. 3)

Alle Rituale und konzeptionellen Bestandteile der OSW wie Freies Lernen, Wochenarbeitsplan, Schüler-Eltern-Lehrer-Gespräche zum Halbjahr, Praktika, themengebundene Kompaktwochen, Klassenfahrten, Bläserklasse und – freizeit, Klassenrat … sind auch Momente des Schullebens der Kinder mit Beeinträchtigungen. Wenn nötig werden sie verändert und an die Voraussetzungen der Schüler/innen angepasst.

Kooperation

Bereits während Leas Schulzeit wurde deutlich, dass Kinder mit geistiger Behinderung Gefahr laufen, in der Schule zu vereinsamen, wenn sie allein mit fast 150 Schüler/innen im Jahrgang leben, mit denen sie vieles gemeinsam haben, von denen sie sich aber auch hinsichtlich einiger Interessen und Bedürfnisse stark unterscheiden. Um ihr und weiteren Schülern mit intellektuellen Beeinträchtigungen, die inzwischen die OSW besuchten, Kontaktmöglichkeiten zu bieten, wurde zunächst ein jahrgangsübergreifender Hauswirtschaftstag eingeführt und, drei Jahre nach Leas Entlassung aus der Klasse 10, im Jahre 2002 die Arbeitsstufe etabliert. Sie bietet diesen Jugendlichen die Möglichkeit, ein 11. und 12. Schuljahr mit hohem Praxis- und Berufsorientierungsanteil an der OSW zu absolvieren und wird in Kooperation mit der August-Fricke-Schule (Schule für geistige Entwicklung) gestaltet.

Arbeitsstufe in der Kueche

 Nach 20 Jahren ist die Anwesenheit von Schüler/innen mit verschiedenen Beeinträchtigungen Alltag an der OSW geworden. Die Herausforderung, den Anspruch auf Teilhabe4) für diese Kinder und Jugendlichen zu verwirklichen, stellt sich für uns weiterhin an jedem Tag. Die Gesellschaft und die im Bildungsbereich Tätigen sind sich allerdings (noch) nicht einig, wie die Forderung der UN-Konvention am besten umgesetzt werden soll.

An der Offenen Schule haben wir eine Möglichkeit auf den Weg gebracht, die auch von Außen anerkannt wurde. 5) Ein Anfang, der auf Weiterentwicklung drängt! Das kostet Geld, das benötigt Fortbildung, Engagement, gemeinsame Anstrengung und viel Fantasie für die kommenden Jahre.

Agnes Nölke-Spiekermann

 


 1)Im folgenden Artikel werden die Begriffe „gemeinsamer Unterricht“, „Integration“ und „Inklusion“ für folgenden Sachverhalt benutzt: Kinder mit und ohne Behinderung besuchen gemeinsam eine Schule und werden dort zusammen unterrichtet.

2)Nach der gegenwärtig gültigen Regelung können Inklusionsklassen auf Kosten anderer Klassen mit geringerer Schülerzahl gefahren werden.

3)Informelle Befragung meiner Schüler/innen am Ende der Klasse 10 (vier Jahrgänge)

4)„… In Anerkennung des Menschenrechts auf inklusive Bildung formuliert Artikel 24 UN-BRK, dass keine Person aufgrund von Behinderung vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden darf, dass Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt mit anderen in der Gemeinschaft, in der sie leben, Zugang zu einem inklusiven, hochwertigen und unentgeltlichen Unterricht an Grundschulen und weiterführenden Schulen haben sollen … Um das Recht auf Bildung einzulösen, wurde mit der UN-BRK die Entscheidung getroffen, dass inklusive Bildung im Sinne des gemeinsamen Unterrichts behinderter und nicht behinderter Kinder strukturell zu gewährleisten ist. Ein inklusives Bildungssystem, in dem behinderte und nicht behinderte Menschen gemeinsam lernen, kann am besten die Achtung der menschlichen Vielfalt stärken, die Würde und das Selbstwertgefühl von Menschen mit Behinderungen voll zur Entfaltung bringen und zur wirksamen Teilhabe an einer freien Gesellschaft befähigen.
Deutschland hat infolge des Inkrafttretens der Konvention geeignete Maßnahmen zu ergreifen, die zielgerichtet und wirksam sind, um ein inklusives Bildungssystem zügig aufzubauen ...“
(aus: Stellungnahme der Monitoring-Stelle (31. März 2011): Eckpunkte zur Verwirklichung eines inklusiven Bildungssystems (Primarstufe und Sekundarstufen I und II), Empfehlungen an die Länder, die Kultusministerkonferenz (KMK) und den Bund, Deutsches Institut für Menschenrechte)

5)Die Offene Schule Waldau erhielt im Januar 2013 den Jakob Muth – Preis für inklusive Schule.